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Leseproben

3.9 Warum ich die Lithium-Therapie abgebrochen habe

Ursprünglich im Hotelfach ausgebildet, habe ich mich - immer auf der Suche nach meiner Berufung - in den verschiedensten Berufen versucht. Als Maniker wurde ich das erste Mal 1988 auffällig. Resultat: Vier Monate Zwangseinweisung in die Psychoklinik Riedstadt bei Darmstadt. Nach meiner Entlassung von dort habe ich zunächst »brav« mein Lithium genommen und es ging mir schlechter und schlechter. Alle Nebenwirkungen, die auf dem Beipackzettel versprochen werden, waren eingetreten. In dieser Zeit wurde mir krankheitsbedingte Berufsunfähigkeit bescheinigt. Im Zuge einer Rehabilitationsmaßnahme wurde mir eine Ausbildung zum Tischler zugestanden, die ich mit Erfolg absolviert habe. Es ging es mir während dieser Zeit psychisch ziemlich schlecht, denn Lithium bewirkt eine Art Fesselung der Seele. Ich habe in dieser Zeit oft über meine Situation vor Ausbruch der Krankheit nachgedacht und bin des öfteren in die Pinzhornklinik in Hemer gefahren, um dort mit manischen Patienten zu sprechen. Dabei sind mir gewisse Muster aufgefallen, Ähnlichkeit der Lebensgeschichten und Ähnlichkeit der Reaktionen von Freunden und Verwandten. Darüber hinaus hatte ich Gelegenheit, manisch Kranke zu sehen, die Lithium über längere Zeiträume genommen haben und mir wurde klar, daß ich so nicht enden wollte. Ich suchte einen Arzt auf, von dem erzählt wurde, er sei »contra Lithium« eingestellt. Er schenkte mir das Buch »Lithium-Therapie der manisch depressiven Therapie« von Professor Morgens Schou mit folgenden Worten: »Sie sind ein intelligenter Mensch. Das Studium dieses Büchleins wird Sie davon überzeugen, daß es sinnvoll ist, dieses Medikament weiter einzunehmen.« Das Gegenteil ist eingetreten: Ich habe kurze Zeit später alle Medikamente abgesetzt, und ich habe diesen Schritt bis heute nicht bereut. Von Zeit zu Zeit habe ich eine manische Phase. Dann befolge ich gewisse Grundregeln und vermeide Handlungen, die die Manie ausufern lassen. Die Folge ist, daß es mir gut geht. In den vergangenen Jahren habe ich Hunderte von Büchern über alternative Heilmethoden gelesen und fast alles, wovon ich in der Theorie überzeugt war, an mir selbst praktisch ausprobiert. Heute gebe ich meinen Mitmenschen den Rat: »Nimm kein Medikament, das dein Arzt nicht gleichzeitig mit dir einnimmt!« Das gilt analog für jede Art von Therapie: Ich bin bereit, jede alternative Therapie, die ich empfehle, auch mitzumachen. Mit der Frage konfrontiert, ein Studium zum Heilpraktiker zu beginnen, habe ich mich dagegen entschieden, weil ich erkannt habe, daß es nicht genügt, wenn ein Schwerkranker von Zeit zu Zeit einen Termin bei einem Heilpraktiker oder Arzt hat. Der Kranke benötigt ein weit größeres Maß an Zuwendung. Der Therapeut muß seinem Klienten viel Zeit widmen und stets ein gutes Beispiel geben; das ist in einem System, in dem der Therapeut Umsatz machen muß, nicht möglich.

4.0 Manie: Was gesund macht

Nachdem ich die wesentlichen Punkte genannt habe, die zur krankhaften Manie führen, wollen wir uns jetzt mit dem beschäftigen, was »gesund« macht. Der manisch betonte Mensch muß

  • Schlafmangel vermeiden. (Dazu ist es notwendig, zu einem Weltbild zu finden, welches verhindert, daß man von Ideen besessen wird und sich konsequent nicht mehr auf Projekte mit Zeitdruck einzulassen.)
  • Erkennen, daß Ungerechtigkeiten nur Konstrukte unseres Gehirns sind und eine Lebenssituation »einstellen«, in der man nicht mehr erpreßbar ist.
  • Kompromisse vermeiden, wo es möglich ist.
  • das Immunsystem stärken. (Stichworte: Ernährung, Kaffee, Zigaretten, Alkohol, Medikamente, Umwelteinflüsse, Sauerstoff, Parasiten)

Es ist ratsam, herauszufinden, ob Verstrickungen in Schicksale innerhalb des Familienverbandes bestehen und diese im gegebenen Fall durch eine geeignete Therapie aufzulösen. Ich werde im folgenden Schritt für Schritt Wege aufzeigen, mittels derer ich die obenstehenden Ziele erreicht habe. Dies geschieht, indem ich jedem fettgedruckten Begriff ein eigenes Unterkapitel zuordne. Ich beginne mit dem Schlafmangel, weil es im Rahmen dieses Buches zwei Ziele gibt, denen ich noch folgende Kapitel (4.2 und 4.3) widme:

Das Kurzzeit-Ziel:

Nicht mehr in der Klinik zu landen. In diesem Kapitel werde ich darstellen, was man auf der körperlichen Ebene gegen den Schlafmangel tun kann. Wenn es dem Betroffenen gelingt, täglich sieben Stunden zu schlafen, wird sich ein Zustand einstellen, den man als Basis für das Erreichen des Langzeit-Zieles benötigt.

 

Das Langzeit-Ziel:
Lernen, das manische Naturell positiv einzusetzen. In diesem Kapitel werde ich Methoden darstellen, mittels derer man auf der psychischen und geistigen Ebene einen Zustand der Ruhe erreichen kann, der dem manisch betonten Menschen die Kraft gibt, in Streßsituationen angemessen zu reagieren.

4.1 Allgemeines

Ganzheitliches Heilen geschieht auf drei Ebenen, nämlich Körper, Psyche und Geist. Wir folgen der Prämisse des Paracelsus, wonach jeder nur sich selbst heilen kann. Insofern sind die im folgenden beschriebenen Ansätze lediglich als Hinweise und Anregungen zu verstehen. Mein Weg war, mich zu informieren und neue Erkenntnisse nach dem Motto »Was habe ich zu verlieren?« selbst auszuprobieren. Wir leben in einer Zeit des spirituellen Erwachens. Meine Theorie dazu ist, daß wir kurz vor einem Evolutionssprung stehen, was bedeutet, daß sich das Bewußtsein der gesamtem Menschheit erweitern wird. Ein Indikator dafür, daß gerade jetzt etwas in dieser Richtung passiert, ist die Tatsache, daß immer mehr Menschen sich die Frage nach dem Sinn des Lebens stellen und darüber psychisch krank werden. Dies, weil sie erkennen, daß das Streben nach materiellen Dingen die Seele letztendlich nicht befriedigt. Wenn der Mensch zu dieser Erkenntnis kommt, beginnt er, sich mit dem Thema »Ehrlichkeit« auseinanderzusetzen, was in der Folge dazu führt, daß auch »Cleverness« in Frage gestellt wird. Was umfaßt dieser Begriff? Die Beantwortung dieser Frage bedingt, daß wir uns drei Fälle aus dem beruflichen Alltag ansehen:

 

Ein Geschäftsmann besucht mit seiner Familie ein Restaurant. Menü und Service sind erstklassig. Der Gast gibt dem Kellner ein besonders hohes Trinkgeld und bittet um eine Rückdatierte Spesenrechnung. Der Kellner entspricht diesem Wunsch, weil er an dem Gewinn, den der Geschäftsmann über diese Rechnung machen wird, über das Trinkgeld beteiligt ist. Er hat dabei kein schlechtes Gewissen, weil es üblich ist, Gefälligkeitsquittungen auszustellen. Wenn er dem Gast diesen Gefallen nicht täte, würde er von seinen Kollegen und auch von seinem Chef als »Spinner« angesehen.

 

Werner arbeitet als Beamteter Sachbearbeiter beim Finanzamt. Der Chef seiner Behörde ist Mitglied im örtlichen Golfclub. Werner erfährt in Ausübung seines Dienstes, dass einigen Mitgliedern des Golfclubs illegale steuerliche Vorteile gewährt werden und wird in diese Machenschaften verstrickt, indem er dienstliche Anweisungen seines Vorgesetzten ausführt. Sein Gewissen sagt ihm, dass das falsch ist, aber er scheut die Konsequenzen, die da wären: Verlust des Arbeitsplatzes, verbunden mit Verlust an Geld.

 

Monika ist Lehrerin. Sie erkennt, dass unser Schulsystem die Kinder in die falsche Richtung führt und übt ihren Beruf dennoch aus, weil sie ihren Pensionsanspruch nicht verlieren möchte.

Erkennst du das Muster, das sich durch diese kleinen Geschichten zieht? Alle diese Menschen verhalten sich »vernünftig«, das heißt, sie passen sich der Gesellschaft an, weil sie ihre vermeintlichen Sicherheiten - Geld und Arbeitsplatz - nicht verlieren wollen. »Vernünftiges« Verhalten bedingt, daß man Kompromisse eingeht, mit deren Hilfe man das Gewissen zu beruhigen versucht Das hat im Laufe der Zeit dazu geführt, daß »die Gesellschaft« die Grenzen der Unehrlichkeit verschoben hat, indem sie den Begriff »clever« zwischen die Pole »ehrlich« und »unehrlich« geschoben hat. Was hat zu dieser Entwicklung geführt?
Vereinfacht gesagt: Der Liberalismus. Die Anhänger des Liberalismus haben der Erlösung durch »Gott« die Erlösung durch die Ökonomie vorgezogen. Wahre Befreiung und Freiheit ist nach ihrer Meinung nicht in einem ungreifbaren Jenseits zu finden, sondern vielmehr in konkreten Fortschritten auf dieser Erde, womit zunächst einmal die Befriedigung der materiellen Bedürfnisse gemeint ist. Der Liberalismus hat viel Gutes bewirkt, die Kehrseite war allerdings, daß er die religiöse Tyrannei durch die Tyrannei der Ökonomie ersetzt hat und den Gott des allmächtigen Geldes an die Stelle des Gottes des Papstes gesetzt hat. Die Seele wird in der heutigen Zeit nicht mehr von Gott zerbrochen, sondern durch Sachzwänge. Das führt im Extremfall dazu, daß ein »grüner« Außenminister dem Kosovo-Krieg zustimmt.
Nun ist die Ökonomie unbestreitbar Teil unserer Zivilisation. Die Gesellschaft hat uns bereits genügend Angst eingejagt; wir meinen, nur dann existieren zu können, wenn wir einen Arbeitsplatz, genügend Geld, eine Wohnung und so weiter besitzen. Um diese Ansprüche befriedigen zu können, unterwerfen wir uns dem »System«. Wir leiden unter dieser Unterwerfung, weil wir die Ansprüche, die unser Gewissen an uns stellt, verdrängen.
Wenn wir unser Gewissen als einen Teil mit eigenem Bewußtsein empfinden, so müssen wir uns fragen, was mit diesem Teil von uns geschieht, wenn wir ihn verdrängen. C.G. Jung hat sich mit diesem Thema ausgiebig befaßt und ist zu der Erkenntnis gekommen, daß das Gewissen nicht getötet, sondern ins Unterbewußte verdrängt wird, wo es daran arbeitet, wieder an die Oberfläche zu kommen. Es scheint, als ob das Gewissen dafür lange Zeit bräuchte, was erklärt, warum gerade jetzt so viele Menschen psychisch krank werden. Der Mensch weiß unbewußt, daß »clever sein« Unehrlichkeit ist und damit kann die Seele nicht langfristig leben. Vereinfacht ausgedrückt: Wer sich den Sachzwängen unserer Gesellschaft unterwirft, wird - langfristig gesehen - krank werden. Daraus folgt: Die Gesellschaft muß sich verändern, damit wir gesund werden.
Damit das geschehen kann, müssen einzelne Menschen anfangen, sich zu verändern, indem sie Schritt für Schritt das Wagnis eingehen, sich den Sachzwängen zu entziehen. Das erfordert Mut und so lange wir vom Anderen erwarten, daß er den ersten Schritt tut, wird nichts passieren.
Manisch betonte Menschen sind in besonderer Weise geeignet, den ersten Schritt zu gehen, Vorkämpfer zu sein. Sie neigen allerdings dazu, Veränderungen zu schnell und radikal zu verlangen und stoßen damit diejenigen vor den Kopf, die das Geschenk einer manischen Veranlagung nicht in die Wiege gelegt bekommen haben. Menschen haben unterschiedliche Veranlagungen, und das ist gut so. Wenn es uns gelänge, die verschiedenen Naturelle zu Kooperation anstelle von Konkurrenz zu bewegen, wären wir unserem gemeinsamen Ziel, eine »heile« Welt zu installieren, einen großen Schritt näher.

4.2 Das Kurzzeit-Ziel

Die krankhafte Phase wird - das kann nicht oft genug betont werden - immer und ausnahmslos durch Schlafmangel ausgelöst. Aus diesem Grund ist es notwendig, ausreichend zu schlafen oder zu ruhen.

»Das sehe ich ein«, sagt der Patient. »Ich würde ja gern schlafen oder ruhen, aber ich kann nicht!«

 

Wer wüßte das besser als ich, der ich mich oft genug in diesem Zustand befunden habe. Die Getriebenheit, die einem den Schlaf raubt, ist ein »kleiner Teufel«. Er flüstert einem »nur noch ein viertel Stündchen« ins Ohr, wenn man den Computer ausschalten will und ehe man sich versieht, ist wieder eine Stunde vergangen.

 

»Wie kann ich mich dem entziehen?«, wird deine Frage lauten.

4.2.1 Der lösende Satz

 

Ich greife vor und wende die Technik des »Ankerns« an, die ich in der Folgeversion 1.0 ausführlich beschreiben werde (Emile Ratelband hat in dem Buch »Der Feuerläufer« kurz und prägnant die Arbeit mit »Ankern« erklärt).

 

Schreibe »Ich will mein Projekt zum Erfolg führen« auf einen gelben 3-M-Zettel und klebe diesen irgendwo hin, wo du ihm in deinem Tagesablauf begegnest: Auf den Badezimmerspiegel, an die Besteckschublade, ans Lenkrad deines Autos und so weiter.

 

Hinter diesem Satz steht die Idee, dass es ein wertvolles und gutes Projekt ist, das den manisch betonten Menschen so antreibt, dass er darüber den Schlaf vergißt. Der Anker dient dem Zweck, dir klarzumachen, dass du dem Projekt nicht dienst, wenn du krank wirst und es nicht vollenden kannst. Wenn du diesen Gedanken als wahr erkennst, wirst du fähig werden, die notwendigen Arbeitspausen einzulegen.

4.2.2 Struktur

Es ist notwendig, daß der manisch betonte Mensch Struktur in sein Leben bringt. Die Gedanken schießen durch den Kopf und man möchte zu viele Dinge auf einmal tun. Nehmen wir mich als Beispiel. Im Moment sitze ich an der Überarbeitung dieses Buches. Mein Tagesrhythmus ist der eines Frühaufstehers, das heißt, der Morgen ist meine beste Zeit für körperliche und geistige Arbeiten.
Mein vordringliches Ziel in dieser Zeit ist, am Buch zu arbeiten, daneben gibt es Dinge, von denen ich weiß, daß ich sie tun muß, damit ich bezüglich des Buches eine gute Arbeit leiste. Dies sind

 

Meditation und Körpertraining: Ich mache Übungen, die beides kombinieren, die Fünf Tibeter, die im Buch näher beschrieben sind. Zeitaufwand ca. 45 Minuten.

 

Sauerstoff: Ich mache Einkäufe für mich und meine Mitbewohner, indem ich mit dem Fahrrad in die nahe gelegene Kleinstadt fahre. Zeitaufwand ca. eine Stunde.

 

Entspannung: Das gelingt mir am besten beim Spazierengehen, so lange das Wetter es zuläßt. Wenn das nicht möglich ist, Ruhe ich, indem ich mich auf den Boden lege und Musik höre. Zeitaufwand ca. eine Stunde.

 

Gut Essen & Trinken: Ich ernähre mich gesund und bereite mein Essen selbst zu. Ich esse in Ruhe, obwohl »es« mich oft Richtung Computer zieht. Dafür benötige ich täglich ungefähr zwei Stunden.

 

Ausreichend Schlafen & Ruhen: Ich rechne dafür sieben Stunden.

 

Körperpflege: Dafür benötige ich ca. 45 Minuten.

Wenn ich mir bewußt mache, daß der Tag vierundzwanzig Stunden hat, bleiben nach Berücksichtigung der oben aufgeführten Zeiten noch zehn Stunden, in denen ich arbeiten und mit Freunden kommunizieren kann.

Die beste Zeit für die »Tibeter« ist bei mir der frühe Morgen, gleiches gilt für die Arbeit am Computer. Eigentlich kein Problem. Eine Stunde arbeiten, eine Stunde »Tibeter«und dann wieder eine Stunde arbeiten ist nach meiner Erkenntnis der beste Rhythmus.

 

Ich sitze am Computer und bin, was ich »gut im Fluß sein« nenne. Ich möchte meinen Zeitplan einhalten, aber gerade jetzt fließen die guten Gedanken. »Ich schreibe nur noch diesen Satz«, denke ich und ehe ich mich versehe, ist eine weitere Stunde vergangen. Da hilft nur eines: Einen Wecker stellen und die Zeiten strikt einhalten. Ich weiß, das ist leichter gesagt, als getan, aber dem manisch betonten Menschen bleibt keine andere Möglichkeit.

 

Projekte haben ein Eigenleben; Sie versuchen, den Menschen in ihren Bann zu ziehen. Nur dann, wenn man realisiert, dass man sein Projekt dann, wenn man krank wird, nicht zuende führen kann, hat man eine Chance, den Machtkampf »Mensch ./. Projekt« zu gewinnen.

 

Unerwartete Anrufe, Besuche und Behördengänge können den Plan durcheinander bringen. Wenn das geschieht, ist es notwendig, neu zu strukturieren. Dabei gilt für mich seit einigen Jahren die Faustregel »Laß' im Zweifelsfall das Projekt warten!«

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